Читать книгу: «Seewölfe Paket 10», страница 6

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Knapp die Hälfte der von ihm kalkulierten Zeitspanne war abgelaufen, als plötzlich der Donner einer Explosion ertönte. Louis stand wie gelähmt da. Sein Mund öffnete sich langsam, seine Augen weiteten sich.

„Was war das?“ stieß einer seiner Gefährten aus. „Das war nie und nimmer eine Schiffskanone.“

„Die Bombe! Sie haben wieder eine ihrer Flaschenbomben zum Einsatz gebracht“, sagte Louis. „Wie konnten sie so rasch heran sein? So schnell ist eine Galeone doch nicht. O Himmel …“

„Sie hat sehr hohe Masten und sehr viel Segelfläche“, meinte einer seiner Kumpane. „Scheint auch sehr flach konstruiert zu sein. Das ist wohl die Erklärung für …“

„Zwei Mann bleiben hier“, schrie Louis plötzlich. „Die anderen neun mit mir! Ich will an dem Gefecht teilnehmen! Wenn sich auch nur einer der Gefangenen erdreistet, über die Palisade zu sehen, schießt ihr ihn nieder, verstanden?“

„Ja“, erwiderte einer der Freibeuter. „Aber wer bleibt nun hier?“

Louis wählte die Männer aus, dann rannte er mit den anderen los. Sie tauchten ins Dickicht, stolperten fluchend voran und hörten jetzt den Donner einer neuen Explosion.

Maurice und der gewichtige Brassens konnten von ihrem erhöhten Posten aus die Feuerblitze und die schwarzen Qualmwolken sehen, die von der Küste aufstiegen.

Der Angriff der Seewölfe hatte begonnen.

9.

Die Ankerbucht der „Saint Croix“ verfügte über eine recht enge Einfahrt, die allenfalls zwei Schiffe zur selben Zeit passieren ließ. Dies hatte Bill, der Ausguck der „Isabella“, aus der Entfernung von gut einer halben Meile schon entdeckt, bevor Ben Brighton, der von Hasard das Kommando übernommen hatte, sich zu einer recht eigenwilligen Taktik durchrang. Bills Meldung, daß der Bucht eine bewaldete Barriere vorgelagert war, gab den Ausschlag. Ben entschied sich für ein kleines Ablenkungsmanöver.

Gefährlich krängte die „Isabella“ nach Backbord, hart lag sie an dem frisch aus Osten blasenden Wind. Ihre Masten hatten sich der Wasserfläche so tief zugeneigt, daß Ben fest damit rechnete, die Piraten in der Bucht würden sie erst im allerletzten Augenblick entdecken können. Jedenfalls ragte der Dschungel auf der Landzunge vor der Bucht höher auf als die Großmarsstenge der „Isabella“.

„Ferris!“ rief Ben dem rothaarigen Schiffszimmermann zu.

Ferris Tucker kauerte schon auf der Back, wo er diesmal seine „Höllenflaschenabschußkanone“ aufgebaut hatte. Er drehte sich zu Ben um, der auf dem Quarterdeck stand, und grinste ihm wie der Teufel in Person zu. Er zeigte klar, und Ben Brighton gab ihm seinen Befehl: „Sobald du kannst, läßt du die erste Flasche los. Schick sie so weit wie möglich nach Süden ’rüber!“

„Aye, Sir. Schon verstanden, Sir!“ rief Ferris zurück. Er richtete sich auf seine Aufgabe ein, plazierte die erste Flasche auf der pfannenförmigen Vorrichtung des Apparates, zerrte ein Kupferbecken mit glimmender Holzkohle zu sich heran, griff sich einen Luntenstock und zündete die Lunte der Flasche, sobald sie auf weniger als eine Kabellänge Distanz an die Einfahrt der Bucht heran waren.

Die Flaschenbombe wirbelte von Bord, als er die Arretierung der Schleuder löste. Sie flog nach Steuerbord davon, landete im Regenwald und ging mit mächtigem Getöse in die Luft. Ferris packte gleich die nächste Flasche auf die Pfanne, blickte zu Ben – und ließ auch diese Ladung los, weil Hasards erster Offizier und Bootsmann ihm aufmunternd zunickte.

Die Höllenflasche segelte über die südliche Landzunge der Bucht, schlug in den Busch am Südufer des Piratenverstecks und ging hier mit genauso großem Donner wie die erste hoch.

So kam es, daß die „Isabella“ unbehelligt durch die Einfahrt segelte und von den Piraten an Bord der „Saint Croix“ viel zu spät bemerkt wurde, weil sie in diesem Moment alle wie gebannt nach Süden spähten. Vielleicht wäre Ben Brighton die Überraschung auch ohne den Einsatz der beiden Flaschenbomben gelungen, aber er hielt diese Art Taktik für effektvoller – und für dramatisch genug, um den Franzosen einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Mit einemmal war die „Isabella“ mitten in der Ankerbucht des Piratenseglers und rauschte mit den Wogen auf den Feind zu.

Die „Saint Croix“ war tatsächlich kein Schiff von bescheidenen Maßen. Ben Brighton warf Old O’Flynn, der rechts neben ihm an der Querbalustrade des Quarterdecks stand, einen Seitenblick zu und rief: „Mindestens vierhundert Tonnen, schätze ich, und Kanonen hat der Bruder auch genug. Zwei Dutzend Geschütze, nach seinen Stückpforten zu urteilen …“

„Deck!“ schrie Bill, der Moses, hoch über ihren Köpfen. „Sie springen an die Kanonen, die Kerle!“

Dann räumte er den Großmars – und es war auch höchste Zeit dafür. Die Piraten hatten ihre Überraschung überwunden. Sie fluchten, brüllten sich gegenseitig Befehle zu und hasteten auf ihre Gefechtsposten. Klar zum Kampf war die „Saint Croix“, und auch die Schäden, die sie durch die Riesenwelle erlitten hatte, waren inzwischen bis auf Kleinigkeiten alle behoben.

Vier Kerle rannten an die Winsch, rammten die Spillspaken hinein und begannen zu drehen. Der Anker hob sich, das Großsegel und die Fock wurden gesetzt, die Galeone nahm etwas Fahrt auf, ehe die „Isabella“ ihr ganz auf den Leib rücken konnte – und dann wummerten auch schon zwei Drehbassen und zwei Serpentinen los, die auf ihrer Back montiert waren.

„Zieht die Köpfe ein!“ schrie Ed Carberry auf der Kuhl der „Isabella“. „Ben, auf was wartest du?“

„Ruder hart Steuerbord!“ rief Ben Brighton dem Rudergänger Pete Ballie zu. „Wir halsen und begrüßen die Halunken mit den Backbordgeschützen! Männer, klar zur Halse!“

Die Bucht war geräumig genug, um das Manöver zu gestatten. Für einen Moment sah es so aus, als wollten die „Isabella“ und die französische Galeone aufeinander zulaufen. Aber dann lag die „Isabella“ auch schon auf dem anderen Bug, steuerte in einer engen Schleife das Buchtufer im Osten an und glitt zwischen den Fontänen hindurch, die die Kugeln der gegnerischen Drehbassen und Serpentinen im Wasser hatten aufsteigen lassen.

„Backbordbatterie – Feuer!“ brüllte der Profos.

Die Culverinen schienen sich aufzubäumen, spuckten Feuer, Eisen und Rauch, ruckten auf ihren Lafetten zurück und prallten in die Brooktaue zurück, als wollten sie sie sprengen. Die sandbestreute Kuhl vibrierte. Carberry feuerte die Crew mit seinen üblichen Rufen an. Bill, Philip junior und Hasard junior rannten auf und ab, um Wasser für die Wischer und Kellen und Pulver für die 17pfünder zu transportieren, das Deck war von fiebrigen Aktivitäten erfüllt, und Batuti enterte soeben in den Vormars auf, um die ersten Brandpfeile zu zünden und zum Gegner hinüberzusenden.

Ferris Tucker hatte die Flaschenschleuder neu justiert und schickte sich gerade an, die nächste Bombe zu den Freibeutern hinüberzujagen.

Die „Saint Croix“ war jetzt abgefallen, lief mit westlichem Kurs auf die Ausfahrt der Bucht zu und bot der „Isabella“ ihre Backbordbatterie dar. Die Piraten schrien durcheinander, hantierten mit den Luntenstökken, senkten sie auf die Bodenstücke ihrer Geschütze.

Gleichzeitig mit den schweren Culverinen und den leichteren Demi-Culverinen der „Saint Croix“ donnerte die Flaschenbombe los, die Ferris Tucker genau in die Mitte der feindlichen Kuhl gesetzt hatte. Batutis erster Brandpfeil bohrte sich in das Großsegel der Piraten-Galeone.

Es krachte und toste, und plötzlich schien das Inferno seine Tore geöffnet zu haben.

Die Männer der „Isabella“ warfen sich auf die Planken, denn die gegnerischen Kugeln heulten heran. Es knackte und knirschte, Splitter wirbelten, etwas segelte in hohem Bogen quer über die Kuhl, und das Backbordschanzkleid der „Isabella“ hatte dicht beim Niedergang zur Back mit einemmal ein großes Loch.

Auf der „Saint Croix“ herrschte aber noch größere Wuhling als auf der „Isabella“, und das lag an der Wirkung, die Ferris Tuckers Höllenflasche gehabt hatte. Das Großsegel der Feindgaleone stand in Flammen, und Batuti schoß den nächsten Brandpfeil ab, der mit geradezu unheimlicher Präzision die Fock der „Saint Croix“ traf.

Die Piraten brüllten, rannten auf und ab, bargen Verwundete, warfen Tote über Bord und trachteten, das Feuer zu löschen.

Der Kampf tobte hin und her.

Louis hatte in diesem Augenblick an der Spitze seines Trupps das Ufer der Ankerbucht erreicht. Er blieb stehen, starrte für einen Moment auf das Bild, das sich seinen Augen bot, faßte sich dann aber und schrie seinen Männern zu: „Los, schiebt die Jolle ins Wasser! Wir versuchen, an Bord der ‚Saint Croix‘ zu gehen!“

Die Jolle lag nicht weit entfernt auf dem weißen Sandstrand. Sie war eins der beiden Beiboote der „Saint Croix“.

Die Piraten rannten fluchend über den Sand, packten das Boot und zerrten wie verrückt daran, um es ins Wasser zu befördern. Wenig später saßen sie auf den Duchten und pullten gemeinsam durch die hohe Brandung. Louis saß auf der Heckducht, hielt die Ruderpinne und blickte mit verzerrter Miene auf sein Schiff.

Er begriff in diesem Moment, daß er bereits zu spät kam.

Die „Saint Croix“ stand in hellen, hoch himmelan lodernden Flammen.

10.

Brassens lehnte wieder an dem Baumstamm auf der kleinen Lichtung des Hügels, und er zweifelte beim Donner der Schiffskanonen keinen Augenblick daran, daß seine Kumpane dieses Gefecht für sich entscheiden würden. Er hatte gesehen, daß die Galeone der Engländer kleiner als die „Saint Croix“ war, außerdem schien sie auch nicht so gut armiert zu sein. Dies allein war für Brassens, den dicken Piraten, ausschlaggebend, aber er sollte noch lernen, daß man im Leben nicht gar so einfältig sein durfte.

Maurice kauerte nach wie vor oben auf seinem Aussichtsposten und versuchte, etwas von den Vorgängen in der fünf Meilen nördlich gelegenen Ankerbucht zu erkennen. Er sah aber nur das Feuer und den Rauch, die immer intensiver aufzusteigen schienen.

Brassens vernahm einen beunruhigenden Laut hinter seinem Rükken, wollte herumfahren, aber da war es schon zu spät für ihn. Etwas sauste schwer in seinen Nacken nieder, und er brachte nicht einmal mehr einen Laut hervor, ehe er bewußtlos zusammenbrach.

Der Seewolf trat an Brassens’ Stelle und blickte zu Maurice auf, der seinerseits gespannt nach Nord-Nord-West spähte.

„Hör dir das an“, sagte Maurice. „Und dabei heißt dieses Meer rund um die Inselwelt das ‚Meer der Ruhe‘. Ist das nicht ein Hohn?“

„Ja“, antwortete Hasard und zog seine doppelläufige sächsische Reiterpistole. „Das ganze Leben ist manchmal ein einziger Hohn, nicht wahr?“

Maurice ließ entgeistert den Messingkieker sinken. Er sah nach unten und erblickte zu seinen Füßen den schwarzhaarigen Hünen. Er wollte seine Miqueletschloß-Pistole zücken, die griffbereit vorn im Gurt steckte, wurde aber durch eine Geste des Seewolfs gebremst.

Hasard hatte die Reiterpistole gehoben und vorgestreckt. Die Mündungen zielten bedrohlich auf Maurices Unterleib.

„Wer – wer bist du?“ stammelte der Pirat, aber er war sich im selben Moment der Dummheit bewußt, die dazu gehörte, solch eine Frage zu stellen.

Hasard sagte: „Ich erkläre es dir vielleicht später. Steig jetzt ’runter von deinem Ast – und wage bloß keine Dummheiten. Es könnte das letzte Mal in deinem Leben sein, daß du einen idiotischen Trick versuchst.“

Siri-Tong, Dan O’Flynn, Smoky und Matt Davies traten jetzt ebenfalls aus dem Dickicht auf die kleine Lichtung, und damit war es um Maurices Fassung endgültig geschehen. Er ließ den Messingkieker fallen, kletterte vom Baum und hob die Arme. Er begriff, was geschehen war. Die Engländer hatten sie hereingelegt, und zwar gründlich. Sie waren hinter der südlichen Landzunge, wo sie nicht mehr beobachtet werden konnten, mit einem Beiboot am Ufer gelandet. Dann hatte das Ablenkungsmanöver ihrer Galeone begonnen, und sie hatten seelenruhig durch den Inselurwald bis hierherauf marschieren können.

Zweifellos hatte das Mädchen Alewa ihnen verraten, daß es hier oben, über dem Hauptdorf, einen Aussichtsplatz gab.

„Wir gehen ’runter zum Dorf“, sagte Hasard. „Dan und Smoky, ihr nehmt diesen Fettwanst hier mit.“ Er wandte sich wieder an Maurice und erklärte ihm in seinem besten Französisch, was er von ihm verlangte.

Maurice sah auf die doppelläufige Radschloßpistole, die immer noch auf seinen Bauch gerichtet war, und zweifelte keinen Moment daran, daß dieser schwarzhaarige Teufel mit den eisblauen Augen auch wirklich abdrücken würde, falls er seine Befehle nicht befolgte. Hasard hätte niemals auf einen wehrlosen Menschen geschossen, auch auf den größten Schurken nicht, aber das konnte Maurice nicht ahnen. Maurice wußte nur das eine: daß er nämlich das Leben so heiß und innig liebte wie nie zuvor und nicht sterben wollte.

Er nickte und sagte leise: „Ich tue alles, was ihr von mir verlangt, wenn ihr mich leben laßt.“

Die beiden Wachtposten, die vor dem großen Tor der Palisade zurückgeblieben waren, blickten sich verdutzt an, als im Dickicht plötzlich Maurice auftauchte und ihnen zuwinkte.

„Hier“, zischte Maurice. „Seht euch an, was ich geschnappt habe. Ein Weibsbild. Kommt her und nehmt sie gefangen.“

Die beiden Piraten schritten gleichzeitig los und blieben zwei Schritte von Maurice entfernt stehen, um sich über die schwarzhaarige Frau mit den exotischen Zügen zu beugen. Sie lag zu Maurices Füßen im Dickicht. Wer war sie? Woher kam sie? Wie hatte Maurice sie überwältigen können?

All diese Fragen, die die Piraten sich im stillen stellten, blieben leider unbeantwortet. Die Schwarzhaarige kam nämlich ganz überraschend zu sich, schnellte hoch und hieb dem rechten Posten die Hand so hart gegen die Schläfe, daß dieser umfiel und nicht mehr aufstand.

Der links stehende Kerl wollte protestieren, zur Waffe greifen, handeln, aber alles war zu spät, viel zu spät. Wie der Teufel schoß ein schwarzhaariger Riese aus dem Gebüsch hervor und warf sich auf ihn. Daß zwei andere Gestalten neben Maurice hochwuchsen, nahm der Wächter des Dorfes schon gar nicht mehr wahr. Etwas schien vor seinem Kopf zu explodieren, und er sank hin und spürte den Aufprall auf dem Boden schon nicht mehr. Ihm schwanden die Sinne, und das war gut für ihn, denn er brauchte am weiteren Geschehen nicht mehr teilzunehmen und rettete dadurch sein Leben.

Matt Davies und Smoky hatten Maurice in die Zange genommen. Maurice, der schnauzbärtige Pirat, stieß einen Laut ohnmächtiger Wut aus, aber Matt grinste ihn sofort so freundlich wie ein hungriger Hai an und sagte: „Nur eine falsche Bewegung, und du lernst meinen geschliffenen Eisenhaken kennen, mein Junge. Willst du das wirklich?“

Maurice verstand kein Wort, aber er wußte, daß es eine Warnung war. Er fügte sich in sein Schicksal.

Dan O’Flynn hatte weiter hinten auf dem Pfad nach achtern gesichert, und er blieb auch jetzt als Wachtposten im Dickicht zurück, als Hasard und Siri-Tong zur Palisade liefen und das Tor öffneten und Smoky und Matt den Gefangenen auf das Dorf zudirigierten.

Brassens, der dicke Freibeuter, lag zu Dans Füßen. Sie hatten ihn gefesselt und geknebelt.

Hasard hatte den Verriegelungsbalken des großen Tores angehoben, wuchtete ihn jetzt ganz hoch, zog ihn zu sich heran und ließ ihn zu Boden gleiten. Er drückte die Torflügel auf, trat über den Balken hinweg und ging in das Dorf.

Zunächst blickten sie ihn noch voll Entsetzen an, weil sie nicht begriffen, was geschah – Männer, Frauen, Kinder und Greise. Einige von ihnen erkannte er wieder. Er lächelte ihnen aufmunternd zu und beschrieb ein paar Gebärden, die ihnen zeigen sollten, daß sie jetzt frei waren.

Schließlich sagte er auf spanisch: „Ihr seid jetzt frei. Wir sind hier, um euch zu helfen.“

Da hellten sich ihre Mienen auf. Sie wußten jetzt, wer er war, riefen immer wieder „Pele, Pele“ und meinten wohl wie Alewa, daß die Göttin der feuerspeienden Krater ein Wunder vollbracht hatte. Hasard war ziemlich sicher, daß sie das Grollen der Kanonen für die Stimme der Inselvulkane hielten, zumindest in diesem Moment.

Dann fiel draußen ein Pistolenschuß, und Hasard fuhr herum und sah Siri-Tong, die ebenfalls herumgewirbelt war und aus dem Tor hinaus zum Dickicht lief. Hasard eilte ihr nach und hatte die Reiterpistole in der Faust. Er sah Dan O’Flynn aus dem Gebüsch springen und sich zu Boden werfen. Er sah Smoky und Matt Davies, die ihre von der „Isabella“ mitgebrachten Tromblons in Anschlag gebracht hatten und über Dans Gestalt hinwegfeuerten. Er duckte sich, zielte mit der Pistole und drückte zweimal auf die Gestalten ab, die aus dem Gestrüpp drangen und das Feuer auf sie eröffneten.

Auch die Rote Korsarin schoß – zuerst mit ihrer Muskete, dann mit der Pistole, die sie aus dem Gurt riß.

Fünf Piraten fielen, die drei anderen waren über die Lichtung vor dem Dorf hinweg und rannten in panischer Flucht zur Ankerbucht der „Saint Croix“ davon.

„Das müssen die Kerle gewesen sein, die hinter Waialae, Koa, Lanoko und den anderen Mädchen und Männern aus dem Pfahlhüttendorf her waren!“ rief Dan O’Flynn, der sich gerade wieder erhob und den Schmutz von der Kleidung wischte. „Sie haben natürlich den Kanonendonner gehört und sind aus den Bergen zurückgekehrt, um nachzusehen, was los ist.“

Hasard steckte seine Pistole weg. „Seid ihr unverletzt?“ fragte er.

Sie bestätigten es ihm durch Gesten, und er konnte sich zu den Insulanern umdrehen, die jetzt zunächst zögernd, dann aber zügiger aus der Palisade hervortraten und ein aufgeregtes Gemurmel anstimmten.

Er wies zu den Zwillingsgipfeln von Hawaii und rief ihnen auf spanisch zu: „Geht hin und sucht eure Freunde – die Bewohner des zerstörten Fischerdorfes. Sagt ihnen, daß alles vorbei sei und sie sich nicht mehr zu verstecken brauchen. Versteht ihr mich?“

„Jedes Wort, Lobo del Mar“, antwortete ihm ein weißhaariger alter Mann mit freundlichem Lächeln.

Hasard fand, daß es eine großartige Tat von Thomas Federmann gewesen war, diesen Eingeborenen die spanische Sprache beizubringen.

Brennend segelte die „Saint Croix“ aus der Bucht auf die offene See. Ihre Geschütze schwiegen jetzt und würden nie mehr sprechen. Die letzten Überlebenden des kurzen, vehementen Gefechts retteten sich durch kühne Sprünge ins Wasser und schwammen zu den Beibooten. In dem einen saß der erschütterte Louis mit seinen Mitstreitern vom Dorf. Das andere war gerade noch rechtzeitig von Bord der Piraten-Galeone aus abgefiert worden, ehe es auch in Flammen hatte aufgehen können.

Die „Saint Croix“ glitt durch die Passage. Ihre Fahrt verlangsamte sich, es war kein Stück Zeug mehr vorhanden, das sie voranbringen konnte. Es war ein gespenstisches Bild, wie sie allmählich mehr Wasser in ihren Rumpf aufnahm und tiefer sank.

Louis blickte zur „Isabella“.

Die war zwar lädiert, brannte aber nicht. Auch ihre Kanonen waren verstummt. Sie hob und senkte sich auf den blaugrünen Wogen, und von ihren Decks drangen die Stimmen der Engländer herüber.

„Sie werden uns alle töten“, sagte einer der Freibeuter vor Louis.

„Nein“, murmelte Louis. „Wenn sie das gewollt hätten, hätten sie es längst getan. Sie verschonen uns, gewähren uns Überlebenden freies Geleit.“

„Louis“, sagte ein anderer Kerl. „Dort, am Ufer! Drei von unseren Leuten!“

Louis blickte zum Ufer der Bucht.

Die drei, die den Kampf vor der Palisade überlebt hatten, rannten soeben in die Brandung, als hätten sie sämtliche Teufel der Hölle im Nacken sitzen. Sie begannen zu schwimmen und hielten auf die Beiboote der „Saint Croix“ zu.

„Wir nehmen sie über“, murmelte Louis.

Er nahm seinen Blick nicht vom Ufer. Weitere Gestalten erschienen jetzt. Da war der schwarzhaarige Teufel, dessen Namen er immer noch nicht wußte, dann eine Frau, ein Mann mit einer Eisenhakenprothese und noch zwei Kerle. Engländer. Bastarde, dachte Louis, der Leibhaftige soll euch holen. Wer seid ihr bloß?

Plötzlich waren auch Maurice, der Ausguck, und Brassens, der Dicke, da. Louis erkannte die beiden Posten, die er vor dem Tor der Palisade zurückgelassen hatte. Sie machten einen benommenen Eindruck und schienen soeben aus tiefer Ohnmacht erwacht zu sein.

Sie alle durften in das Wasser der Bucht steigen und zu ihren Booten schwimmen – und von Bord der „Isabella“ plumpsten jetzt auch zwei andere Gestalten ins Wasser, die sich bei näherem Hinsehen als Richard und Luc, der Bärtige, entpuppten.

Ein narbiger Riese mit wuchtigem Kinn blickte ihnen von der Back aus nach, schüttelte die Faust und brüllte: „Ihr habt Schwein gehabt, ihr Satansbraten! Laßt euch bloß nie wieder blicken, ihr krummbuckeligen Zander, oder es geht euch wirklich schlecht! Ich hätte mich ja gern noch näher mit euch unterhalten, aber man ist ja ein Mensch und keine Bestie wie ihr Kanaillen!“

Louis sah wieder zu dem schwarzhaarigen Kapitän der fremden Galeone. Gewiß, er konnte jetzt zu ihm schwimmen und ihn vor die Klinge fordern. Aber plötzlich fehlte ihm der innere Ansporn dazu. Sein Haß schien verflogen zu sein. Der Selbsterhaltungstrieb überwog.

„Fort“, sagte er mit rauher Stimme zu seinen Männern. „Nichts wie weg von hier, ehe die es sich anders überlegen.“

Sie nahmen ihre Kumpane in die Boote auf, pullten aus der Bucht hinaus und an der sinkenden „Saint Croix“ vorbei. Draußen, auf See, setzten sie ihren Jollen Masten auf und segelten bald darauf in westlicher Richtung davon.

Von Bord der „Isabella“ löste sich wieder eine Gestalt – Alewa. Sie tauchte mit einem Kopfsprung ins Wasser, verschwand in dem klaren Wasser der Bucht, schoß wenig später aber wieder an die Oberfläche und schwamm mit langen, weit ausholenden Zügen zu den am Ufer Wartenden. Sie ging an Land und fiel vor Hasard, Siri-Tong und den anderen auf die Knie.

Der Seewolf legte ihr die Hand auf die Schulter. „Steh auf“, sagte er. „Für solche Gesten sind wir nicht zu haben.“

Sie erhob sich wirklich und sah ihm in die Augen. „Wie kann ich dir danken, Lobo del Mar?“

„Hast du über die Insel nachgedacht, zu der Masot mit seinen Geiseln unterwegs ist?“

„Ja.“

„Dann wirst du mir aufzeichnen, wie sie auf Thomas Federmanns Karte ausgesehen hat. Traust du dir das zu?“

„Ich glaube, ja.“

Rufe erklangen aus dem Dickicht. Alewa wandte den Kopf etwas nach rechts, blickte zwischen Hasard und Siri-Tong hindurch, lachte plötzlich und rief: „Das sind Waialae und Koa! Und Lanoko und die anderen! Sie kommen! O Pele, Göttin von Hawaii, sie kommen wirklich!“

Braunhäutige Gestalten traten aus dem Ufergestrüpp auf den Strand, so viele, daß der Streifen weißen Sandes bald nicht mehr für sie auszureichen schien. Alewa stürzte auf einen hochgewachsenen, sehr jungen Mann mit edlen Zügen zu. Er war ein Mann, der auch für europäische Begriffe unbedingt als schön zu bezeichnen war. Alewa umarmte und küßte ihn.

„Nun wissen wir, wer Koa ist“, sagte Dan O’Flynn mit einem schiefen Grinsen. „Oh, und da sind ja auch Waialae und – ja, der Junge, der ihre Hand hält, muß Lanoko sein.“

„Die Leute aus dem Dorf haben sie schnell gefunden“, sagte Siri-Tong. „Gott sei Dank.“

Der Seewolf blickte zur „Isabella“, winkte Ben Brighton, Ferris Tucker, Carberry und den anderen zu. „Alles in Ordnung dort drüben?“ schrie er.

„Aye, Sir!“ rief Ben zurück. „Batuti und Stenmark haben ein paar Kratzer abgekriegt, aber die sind nicht weiter der Rede wert.“

„Und Shane?“

„Kann schon wieder kräftig fluchen!“

„Eine Sonderration Rum für alle!“ rief der Seewolf. „Kutscher, rück den edelsten Tropfen heraus, den du in deinem Schapp versteckt hast, verstanden?“

„Ja, Sir!“ rief der Kutscher.

Und die Crew stimmte den alten Kampf- und Siegesruf der Seewölfe an: „Arwenack, Ar-we-nack!“

Hasard ließ seinen Blick weiter nach rechts wandern und sah, wie die „Saint Croix“ brennend in der See versank. Zischend erloschen die letzten Flammen. Das Heck war das letzte, was noch aus den Fluten aufragte, aber rasch schluckte das Meer auch diesen Teil des Schiffes. Die Beiboote segelten – jedes mit Großsegel und Fock versehen – nach Westen davon und verschwanden bald ganz hinter der Kimm.

„Die See um Hawaii wird wieder zum Meer der Ruhe“, sagte der Seewolf. „Und wir kämpfen weiterhin mit allen Mitteln dafür, daß dieses Paradies erhalten bleibt und nicht von Narren, Schnapphähnen und Glücksrittern zerstört wird.“

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9783954394999
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