Читать книгу: «Seewölfe Paket 34», страница 24
„In Ordnung. So müßte es klappen. Ihr geht jetzt in die Jolle und löst die Leine. Haltet das Boot mit den Händen am Wrack fest. Sobald ich die Lunten angesteckt habe, bin ich oben. Als letztes muß ich nur noch das Schott verriegeln, damit der Druck nicht nach außen entweicht. Los, verschwindet. Wir pullen anschließend an dem Wrack vorbei ins Innere der Bucht.“
Der Profos und Batuti nickten sich zu und enterten auf, während Hasard damit begann, die Lunten zu entzünden. Als alle vier glimmten, eilte er aus der Vorpiek und schlug das Schott hinter sich zu. Zuletzt legte er den schweren Riegel vor.
Mit ein paar langen Sätzen war er an Deck und sprang in die Jolle. Gleichzeitig drückte er sie kräftig ab.
Batuti und der Profos legten sich in die Riemen und trieben die Jolle am Bug der halbgesunkenen „Aguila“ schnell vorbei. Knapp hundert Yards weiter, nahe den Mangroven, stoppten sie das Boot.
„Gleich wird sich Ruthland die Hände reiben“, sagte Carberry. „Ich kann ihn förmlich grinsen sehen …“
Seine Worte wurden von einem grellen Blitz abgeschnitten, dem ein urweltliches Getöse folgte.
Vom Bug des Wracks raste ein weißglühender Feuerball in den nächtlichen Himmel und erhellte den Dschungel bis hin zur Schebecke.
Das Wrack hob sich zu einem Teil aus dem Wasser. Die Wucht der Explosion fetzte Holztrümmer in die Höhe. Planken flogen nach allen Seiten. Der Bug wurde weggerissen und verschwand bei einer weiteren Detonation, als habe es ihn nie gegeben. Etliche der Splitter verstreuten sich über die ganze Bucht und gingen noch in der Nähe der Jolle nieder.
Ein brüllendheißer Wind fuhr ihnen in die Gesichter. Dem Knall folgte noch ein zentnerschwerer glutender Eichenbalken, der sich in der Luft mehrmals überschlug und dann wie ein Geschoß ins Wasser raste.
Die Feuersäule sank in sich zusammen. Das grelle Licht nahm ab und wurde matter, bis nur noch eine dunkle Rauchsäule zu sehen war.
Sie pullten wieder zurück und sahen sich das Wrack an.
Bis fast zur Kuhl war alles zerrissen und zerfetzt worden. Auf dem Wasser schwammen qualmende Holzstücke. Vom Vorschiff war nichts mehr zu sehen.
„Das hat aber gesessen“, sagte Batuti beeindruckt. „Die Rinne ist jetzt frei und sogar noch breiter geworden, als wir geschätzt haben.“
„Ja, es reicht für die Durchfahrt“, sagte Hasard und rieb sich die Augen, die von dem grellen Blitz tränten.
Die Lücke war wirklich breit genug, um ihnen ein ungehindertes Auslaufen zu ermöglichen.
Sie hatten wieder freie Fahrt, sobald die Reparatur beendet war.
„He, wir dürfen unsere vier Helden nicht vergessen“, sagte der Profos. „Die liegen sicher noch da herum und träumen von der Hölle, falls sie den Knall im Unterbewußtsein mitgekriegt haben. Was tun wir mit den triefäugigen Nachteulen?“
„Pullt mal hin“, erwiderte Hasard.
Die zwei Engländer und die beiden Dons rührten sich nicht, als sie die Landspitze erreichten. Sie lagen noch genau in derselben Stellung da wir zuvor. Von dem Geschehen hatten sie nichts bemerkt.
Hasard sprang aus der Jolle, schnappte sich Garcia und schleifte ihn hinter sich her. Er warf den Giftzwerg Carberry zu.
„Pack ihn in die Jolle, damit er gemütlich sitzen kann, Ed. Die drei anderen verfrachten wir auf die gleiche Art.“
„Und dann, Sir?“
„Dann schicken wir sie fein zusammengefaltet den Tapti hinunter auf die nächtliche Reise. Irgendwann werden sie wieder auf den anderen Bastard treffen und sich dann vermutlich viel zu erzählen haben. Hier ist noch einer.“
Lefray wurde verstaut, dann Molina und schließlich der andere Spanier.
Der Profos knautschte die vier Kerle freundlich zusammen und verstaute sie zwischen den Duchten. Grinsend betrachtete er sein Werk.
„Na, die werden staunen, wenn sie aufwachen. Hoffentlich treiben sie nicht an der Bucht vorbei, wo die ‚Ghost‘ versteckt liegt. Wäre doch ein Jammer, was, wie?“
Hasard war sich ganz sicher, daß Garcia und Ruthland bald wieder zusammentreffen würden. Ewig würden sie ja nicht den Schlaf der Ungerechten schlafen. Das Erwachen würde nur sehr peinlich werden.
Aber das war ihm egal. Die Kerle hatten ihnen ja keine Ruhe gelassen, also mußten sie jetzt dafür bezahlen.
Er gab der Jolle mit der Stiefelspitze einen Tritt und sah zu, wie sie auf den Tapti hinaustrieb und in die leichte Strömung geriet. Sie drehte sich ein paar Male um die Achse und glitt dann in die Finsternis.
Die Kerle darin sahen aus, als schliefen sie friedlich, und das war ja auch der Fall. Sie wirkten sehr friedfertig.
Als die Finsternis sie geschluckt hatte, drehten die Arwenacks sich um und gingen zur Schebecke zurück, wo alle schon in heller Aufregung waren.
Hasard verklarte den Unwissenden, was soeben geschehen war, und darauf stieg ein donnerndes „Ar-we-nack“ in den nächtlichen Himmel.
Der Überfall durch die blindwütigen Sikhs erfolgte am anderen Tag um die Mittagszeit.
Die Arbeiten gingen zügig voran und würden bis zum späten Abend vermutlich abgeschlossen sein, so daß sie die Bucht am nächsten Morgen verlassen konnten. Ihr Ziel war Bombay, wie Hasard gesagt hatte. Dort wollten sie versuchen, Handelskontakte zu knüpfen.
Zuerst wurden sie durch wüstes Geschrei aus der Ruhe gerissen, ohne jemanden zu sehen. Der Lärm kam von der anderen Seite der Bucht, wo sich die Skelette befanden und das Ufer mit Knochen übersät war.
„Das sind sie“, sagte Ben Brighton. „Das müssen die Kerle sein, die hier ihre Kämpfe austragen und sich gegenseitig die Köpfe abschlagen.“
Es dauerte nicht lange, bis zwei Boote sichtbar wurden. Es waren lange Boote, und in jedem hockten etwa ein Dutzend Inder zusammengedrängt.
Die Langboote erschienen von dem Fluß, der in die Bucht mündete.
„Jetzt können wir uns auf was gefaßt machen, wenn die Kopfabhacker hier antanzen“, sagte der Profos. „Sicher werden sie an unseren Rüben auch ein bißchen schnippeln wollen.“
Die Arwenacks waren im Nu bewaffnet.
Die beiden Boote hielten respektablen Abstand voneinander. Die Inder, nur bekleidet mit einer Art Lendenschurz, sprangen immer wieder auf und brüllten sich gegenseitig an. Ihr Geschrei hallte über die gesamte Bucht. Sie beschimpften sich ganz offensichtlich in rasender Wut, schwangen dabei Keulen und Messer und brüllten sich heiser.
Sie waren so in ihr Geschrei vertieft, daß sie nicht mal die Schebecke sahen.
Es waren rasende Teufel, die jenen Platz ansteuerten, wo die Skelette lagen. Erst am Strand würden sie sich gegenseitig anfallen und voller Wut niedermetzeln.
„Sikhs“, sagte der Kutscher. „Man sieht es an den eisernen Armreifen. Es müssen verfeindete Kasten oder Stämme sein.“
Das Geschrei wurde noch wilder. Gegenseitig stachelten sie sich an und brüllten wie wilde Tiere.
Lange Messer blitzten in der Sonne auf, und die Armreifen funkelten, während große unhandliche Keulen geschwungen wurden. Was die Inder brüllten, war nicht zu verstehen.
Ganz plötzlich wurde es ruhig in der Bucht.
Die Inder hatten die Schebecke entdeckt und rührten sich nicht mehr. Schwarze Augen starrten zu ihnen.
„Jetzt sind sie platt“, sagte der Profos in die Stille hinein.
Da geschah etwas Seltsames. Die Männer, die sich eben noch wüst angebrüllt und beschimpft hatten, sprachen jetzt leise, aber aufgeregt miteinander, als hätten sie ganz plötzlich Frieden geschlossen. Von Haß war keine Spur mehr zu bemerken. Die Boote glitten zusammen, und es wurde weiter geflüstert und getuschelt.
Hasard deutete das als schlechtes Zeichen.
Schweigend pullten die Inder ihre Boote an den Strand. Dabei starrten sie unverwandt und haßerfüllt zu den Arwenacks hinüber.
Sie waren kaum am Ufer, als sie sich zusammentaten, Messer und Keulen schwangen und ihr haßerfülltes Gebrüll wieder anstimmten. Diesmal galt es jedoch eindeutig den Fremden.
Dann stürmten die Inder wie bis aufs Blut gereizte Fanatiker, die sich selbstmörderisch in einen gnadenlosen Kampf stürzten, auf die Schebecke los.
Hasard rief ihnen etwas zu, doch die Kerle waren wie taub und so fanatisch, daß sie nichts hörten. Der Seewolf wollte ein eventuelles Mißverständnis auf friedliche Weise beilegen, doch daran war nicht zu denken. Offenbar hatten sie in den Augen der Fanatiker doch ein Tabu verletzt, als sie hier in die Bucht eindrangen.
Zwei Kerle rannten allen voraus. Sie schrien gellend, schwangen ihre Messer und Keulen und stürzten sich auf die ersten Arwenacks, um sie gnadenlos niederzumetzeln.
Batuti hatte seinen Morgenstern in der Faust und schwang ihn, als der erste Angreifer heran war.
Der Sikh stürzte sich auf ihn, ohne das Mordinstrument überhaupt zu beachten.
Der Morgenstern schwirrte durch die Luft, und die schwere, dornengespickte Eisenkugel fegte gleich beide Sikhs von den Beinen.
Hasard feuerte einen Schuß ab, um den sinnlosen Angriff zu stoppen. Es nutzte nichts. Es versetzte die Kerle nur noch mehr in blinde Raserei.
Da senste Ferris Tucker mit der Zimmermannsaxt um sich, als etliche Kerle von allen Seiten auf ihn eindrangen. Er schlug zu wie ein Berserker und hieb zwei Mann zu Boden.
Die Inder kämpften mit einer Wut, die selbst den Arwenacks unbegreiflich war.
Ein Sikh sprang Luke Morgan an und stach mit dem Messer zu. Er erwischte Luke am Oberarm, und da sah der explosive Mann nur noch rot.
Mit dem Schiffshauer verteidigte er sich und trieb den Sikh ins Wasser. Der hob selbst im Tod noch das Messer, aber da war der Profos zur Stelle und schlug ihn nieder.
Ein Kampf Mann gegen Mann entbrannte.
Die Sikhs schrien weiter, haßerfüllt. Von Raserei und Blutdurst getrieben, stachen und hieben sie auf alles ein, was in ihrer Nähe stand.
Ausnahmslos alle Arwenacks hatten jetzt das Schiff verlassen und stürzten sich in das Kampfgetümmel.
Hasard schoß zwei Männer nieder, als sie auf den alten Will Thorne losgingen. Ein dritter wurde von einer Kugel gestoppt. Er wollte gerade Bill von hinten den Schädel einschlagen.
Die Arwenacks zeigten jetzt, was sie konnten. Sie waren nicht so wild und fanatisch, obwohl auch sie jetzt die Wut gepackt hatte. Aber sie waren erprobte und berechnende Kämpfer, und so überwältigten sie einen Sikh nach dem anderen.
Die Skelettküste trug ihren Namen zu Recht, denn immer mehr Inder bedeckten jetzt den Sand, der sich langsam rot färbte.
Die letzten Fanatiker kamen erst zur Besinnung, als sie sahen, daß nur noch ein kläglicher Rest von ihnen übrig war. Da war es schlagartig mit ihrer Wut vorbei.
Sie starrten ihre Gegner an, als sähen sie sie zum ersten Male. Dann warfen sie ihre Waffen weg und flüchteten über, den Strand zu ihren Booten. Sie brauchten nur noch eins. Lediglich ein halbes Dutzend war von ihnen übriggeblieben.
Sie sprangen in das Boot und pullten los – dahin, von wo sie gekommen waren. Noch einmal drang ihr Geschrei herüber, danach verschwanden sie wie ein böser Spuk.
„Die kehren wieder zurück und bringen Verstärkung mit“, vermutete Don Juan. „Das lassen sie nicht auf sich sitzen.“
„Hoffentlich sind wir bis dahin weg“, sagte Hasard. „Langsam reicht es mir, daß wir ständig überfallen werden.“
Die Sikhs kehrten nicht zurück, jedenfalls nicht am anderen Tag. Aber da waren die Arbeiten abgeschlossen und die Schebecke wieder manövrierfähig wie zuvor.
Die Männer pullten aus der Bucht und setzten auf dem Tapti die Segel. Sie sahen auch von der „Ghost“ und von der Jolle mit den vier Bastarden nichts mehr. Wahrscheinlich hatten sie wieder zusammengefunden und waren Hals über Kopf geflüchtet.
Die Arwenacks jedenfalls würden nach Bombay segeln, das war ihr nächstes Ziel …
ENDE
1.
Der Sommermonsun, ein Südwestwind, der vom Meer her landeinwärts weht und den ausgetrockneten Feldern der indischen Bauern den langersehnten Regen beschert, störte die Mannschaft der „Madre de Deus“ nicht im geringsten.
Im Gegenteil – die heftigen Regenfälle, die vom Juni bis September die Landschaft in einen dampfenden Kessel verwandeln, ersparten den Portugiesen häufig den mühsamen Gebrauch von Dweil und Scheuerstein.
So manche Pütz Wasser brauchte gar nicht erst an Bord gehievt zu werden, da die zum Schrubben der Decksplanken erforderliche Feuchtigkeit oft sintflutartig aus heiterem Himmel hervorbrach.
Für einen Teil der Decksleute war Freiwache. Aber nur wenige Männer zogen sich auf eine Mütze voll Schlaf in ihre Kojen zurück. Die meisten ließen sich auf den Planken der Kuhl nieder, holten einige Münzen hervor und benutzten ihre Mucks als Würfelbecher.
Das hohle Scheppern der Würfel in den hölzernen Trinkgefäßen tönte über die Decks und vermischte sich sowohl mit dem schadenfrohen Gelächter der Gewinner als auch mit den üblen Flüchen der Verlierer, die sich nur widerstrebend von ihren Silbermünzen trennten.
Die Männer, die auf der „Madre de Deus“ fuhren, waren beileibe keine Heiligen, auch wenn am Bug des Schiffes ein sehr frommer Name prangte.
Miguel de Pereira, der sich jetzt an Rafael Cegos, seinen einzigen Offizier, wandte, bildete da keine Ausnahme. Darüber konnte auch die Abneigung, die er gegen das Würfeln hegte, nicht hinwegtäuschen.
„Zum Teufel, mir gefällt das nicht“, sagte er. „Ich hasse diese Art von Glücksspiel.“
Der spindeldürre Cegos, dessen schmales, knochiges Gesicht mit dem spärlichen, glatt nach hinten gekämmten Haar an einen Totenschädel erinnerte, zuckte nur mit den Schultern.
„Wir sollten den Leuten die Laune nicht verderben, Senhor de Pereira. Ein Einschreiten oder gar ein Verbot wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht besonders klug. Das Spiel vertreibt den Männern die Zeit, vielleicht hebt es sogar die derzeit nicht gerade hervorragende Stimmung an Bord.“
Der Kapitän wußte, daß Cegos recht hatte und bemühte sich deshalb, seinen Widerwillen zu ignorieren. Doch ganz gelang ihm das nicht.
„Früher habe ich diesen liederlichen Zeitvertreib nicht geduldet“, sagte er. „Kein Wunder, daß ich mich jetzt wie eine Katze fühle, der die Mäuse auf der Nase herumtanzen.“
Rafael Cegos verzog das schmale Gesicht zu einem dünnen Lächeln. „Sie sollten Ihre Toleranz eher als geschickte Taktik betrachten, Senhor. Auch der bissigste Hund wird zahm wie ein Lamm, wenn man ihm ab und zu einen Knochen oder gar ein Stück Fleisch vorwirft. Ihre Großzügigkeit wird sich am Ende auszahlen.“
Der Kapitän nickte. „So kann man es natürlich auch sehen, Cegos, und ich glaube sogar, daß Ihre Einstellung richtig ist. Trotzdem werde ich das verdammte Gefühl nicht los, daß irgend etwas an Bord nicht stimmt. Dabei kann ich nicht mal sagen, was es ist. Nur – an der etwas miesen Stimmung allein kann es doch wohl nicht liegen.“
Rafael Cegos winkte ab. „Die Männer sind nur ein bißchen verärgert. Nach ihrer Meinung haben wir uns mit der halbwracken Galeone vor der Kathiawar-Halbinsel einen ziemlich dicken Fisch durch die Netze gehen lassen. Aber das wird sich bald wieder legen, Senhor. Spätestens beim nächsten guten ‚Geschäft‘ wird alles wieder vergessen sein.“
Der Erste Offizier spielte damit auf einen Vorfall an, der sich schon vor einigen Tagen ereignet hatte.
Die „Madre de Deus“ hatte dicht unter der Küste einem ebenfalls portugiesischen Handelsfahrer geholfen, der von einem Dutzend indischer Piratenboote arg in Bedrängnis gebracht worden war.
Ein Großteil der Leute de Pereiras hätte am liebsten die wertvolle Ladung der bereits mit Kurs auf die Heimat segelnden Galeone „übernommen“ und das „Verschwinden“ des Schiffes den indischen Piraten in die Schuhe geschoben.
Das wäre in der Tat ein Riesengeschäft gewesen, aber Miguel de Pereira hatte das strikt abgelehnt, obwohl er sonst nicht zimperlich war, wenn es darum ging, den Reichtum seiner Auftraggeber in Lissabon zu mehren und den eigenen Geldbeutel durch dunkle, aber einträgliche Nebengeschäfte zu füllen.
Das feiste Gesicht de Pereiras rötete sich. Der unterdrückte Ärger war ihm deutlich anzusehen.
„Ich muß die verehrte Mannschaft wohl wieder mal daran erinnern, daß die ‚Madre de Deus‘ in erster Linie ein portugiesisches Handelsschiff ist“, sagte er scharf. „Außerdem kann ich nur wiederholen, daß es schierer Wahnsinn wäre, Landsleute zu überfallen und auszuplündern. Wir könnten nie mehr nach Portugal zurückkehren. Man würde uns ohne Ausnahme hängen.“
Cegos kannte diese Argumente des Kapitäns bereits. Was klein begonnen hatte, drohte auszuufern, denn ein Teil der Mannschaft wollte sich mit „Nebengeschäften“ nicht mehr zufriedengeben. Nach Ansicht dieser Männer hätte die „Madre de Deus“ längst unter der schwarzen Flagge segeln können.
Konflikte zwischen der Mannschaft und dem Kapitän, der sich zumindest in der fernen Heimat eine weiße Weste bewahren wollte, konnten somit, gar nicht ausbleiben.
Für einige Aufwiegler war die Beute, die ihnen vor der Kathiawar-Halbinsel entgangen war, Grund genug, beständig für eine miese Stimmung zu sorgen. Zu diesen Männern gehörten auch Pico und Vasco, die gerade ihre zu Würfelbechern umfunktionierten Mucks umstülpten und hart auf die Planken knallten.
Die verhaßten Geräusche ließen Miguel de Pereira zusammenzucken.
„Man trampelt mir auf den Nerven herum!“ stieß er mit verhaltener Wut hervor und blickte wieder zur Kuhl hinunter.
Dort strebte das Spiel seinem Höhepunkt entgegen.
„Aus!“ rief der verwahrlost aussehende Vasco und warf Pico einen triumphierenden Blick zu.
Dieser starrte auf die Würfel. „Was heißt hier ‚aus‘?“
Vasco lachte heiser. „Aus heißt aus. Du hast verloren, mein Freund. Na, los denn, schieb schon die Penunzen rüber. Sie werden sich verdammt wohl fühlen, wenn sie erst in meinem Beutel klimpern.“
Der hagere Pico kniff die Augen zusammen.
„Da wird gar nichts klimpern“, verkündete er. „Das war lediglich der Ausgleich. Von jetzt an beginnt das Rennen erst.“
„Ich sagte, du hast verloren, Pico.“ Vascos Grinsen gefror zu einer Grimasse.
Pico tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. „Was soll diese Behauptung? Kannst du nicht mehr bis neun zählen, oder willst du mich übers Ohr hauen?“
In Vascos Augen glomm ein gefährliches Feuer. „Wenn du damit sagen willst, daß ich falsch spiele, dann nimm dich in acht, du Ratte. Und jetzt rück endlich die Münzen raus. Dein Einsatz gehört mir, die Würfel beweisen es.“
Vasco beugte sich vor und streckte ohne Umschweife die Hand nach den Silbermünzen aus, die vor dem mit überkreuzten Beinen auf den Planken hockenden Pico lagen. Doch der schirmte seine „Schätze“ sofort mit beiden Händen ab.
„Finger weg von meinem Einsatz!“ sagte er wütend. „Die Würfel beweisen nichts, wenn falsch gezählt wird. Mit Beutelschneidern von deiner Sorte sollte man sich gar nicht erst auf ein Spielchen einlassen.“
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Selbst die anderen Spieler verstummten und blickten in gespannter Erwartung zu Vasco und Pico hinüber.
Sie wurden nicht enttäuscht.
Vasco zog seine Hand zurück, als habe er in ein Schlangennest gegriffen. Einen Augenblick später blitzte die Klinge seines Messers auf.
„Du nimmst deine Anschuldigung sofort zurück!“ zischte er und schnellte von den Planken hoch. „Und zwar den Falschspieler und den Beutelschneider. Na los, ich warte darauf!“
Pico erhob sich mit aufreizender Langsamkeit von seinem Sitzplatz und legte die Hand um den Messergriff, der aus seinem Gürtel ragte.
Während die anderen Spieler, die das Würfeln eingestellt hatten, hastig ihre Münzen einstrichen und zusammen mit den anderen Decksleuten einen Halbkreis um die beiden Streithähne bildeten, hieb de Pereira auf dem Achterdeck wütend die Fäuste auf den Handlauf der Balustrade.
„Da fahr doch der Teufel rein! Was soll ich hier um der guten Laune willen eigentlich noch alles dulden? Wo steckt Lorenzo? Ich habe ihn seit dem letzten Glasen nicht mehr gesehen. Cegos, sehen Sie sofort nach, was mit dem Profos los ist! Ich erwarte, daß er da unten augenblicklich für Ordnung sorgt.“
„Ich werde mich darum kümmern, Senhor“, versprach der dürre Offizier. „Vermutlich …“ Er brach ab und wandte sich zum Gehen.
„Vermutlich?“ fragte der Kapitän scharf. „Sprechen Sie ruhig zu Ende.“
Cegos zuckte mit den Schultern. „Nun – äh, vermutlich schläft Lorenzo irgendwo seinen Rausch aus, Senhor.“
Der Fluch, den Miguel de Pereira jetzt ausstieß, ließ Cegos zusammenzucken. Danach eilte er dienstbeflissen davon, um den Profos hochzupurren.
Unten, auf der Kuhl, spitzte sich die Situation inzwischen weiter zu. Die beiden Kontrahenten standen sich lauernd gegenüber – sprungbereit wie zwei Raubkatzen.
„Zum letzten Mal: Nimm die Beschuldigung zurück!“ Vascos Stimme klang jetzt gefährlich leise.
Pico kniff die Augen zusammen. „Ich denke nicht daran, mich von dir bescheißen zu lassen und dann auch noch den winselnden Köter zu spielen. Und, zum Teufel, ich sag’s noch einmal: Du bist ein Falschspieler und ein geldgieriger Beutelschneider!“
„Dafür wirst du bezahlen, du Ratte!“ Vascos Körper zuckte vor, die Klinge seines Messers blitzte auf und schoß auf den hageren Pico zu.
Dieser wich dem Stoß jedoch geschickt aus, indem er blitzschnell zur Seite glitt.
In diesem Augenblick tauchte Rafael Cegos mit dem Profos auf. Lorenzo, ein mittelgroßer, bulliger Mann, dessen gerötetes Gesicht vom vielen Rotwein aufgedunsen war, stapfte schwerfällig auf die Kampfhähne zu.
„Aufhören!“ brüllte er. „Steckt sofort die Messer weg. Wenn ihr euch gegenseitig aufpolieren wollt, dann tut das gefälligst mit den Fäusten.“
Früher hatte man auf die Stimme des Profos gehört. Jetzt aber sah es nicht danach aus. Der Suff schien seine Autorität als Zuchtmeister nicht gerade gefestigt zu haben.
Vasco und Pico schenkten seinem Gebrüll jedenfalls nicht die geringste Aufmerksamkeit. Jeder von ihnen war voll auf seinen Gegner fixiert.
Während Vasco mit gebeugter Körperhaltung und haßverzerrtem Gesicht auf den günstigsten Augenblick für die nächste Messerattacke lauerte, versuchte Pico, den Gegner durch tänzelnde Bewegungen zu irritieren.
„Seid ihr taub? Ich hab gesagt, ihr sollt aufhören! Wenn ihr nicht sofort die Messer verschwinden laßt, wird euch der Teufel holen, ihr verdammten Hitzköpfe!“
Das Gebrüll Lorenzos ließ deutlich erkennen, daß seine Zunge vom Wein schwer wie Blei geworden war.
Da sich auch jetzt niemand von seinem Befehl beeindrucken ließ, trat der vierschrötige Profos mehr torkelnd als gehend zwischen Vasco und Pico.
Damit beging er einen verhängnisvollen Fehler.
„Lorenzo – paß auf!“ warnte die schrille Stimme Rafael Cegos’, doch sein Zuruf erfolgte zu spät.
Der bullige Mann schob seinen Körper genau in dem Augenblick in das Kampffeld, in dem Vasco ein zweites Mal zustieß.
Der Messer traf den Profos voll in die Brust.
In den Reihen der Mannschaft setzte erregtes Stimmengewirr ein. Der Profos starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Vasco, dann knickten ihm die Beine weg, und sein schwerer Körper prallte hart auf die Planken.
Miguel de Pereira hatte vom Achterdeck aus die Vorgänge beobachtet. Und er hatte fälschlicherweise darauf vertraut, daß Lorenzo die Sache in den Griff kriegen würde. Jetzt aber begriff er, daß er sich getäuscht hatte.
Und nicht nur das – es hatte sich einiges an Bord verändert. Befehle schienen plötzlich niemanden mehr zu beeindrucken. Genau das konnte er jedoch als Kapitän nicht hinnehmen – jetzt, da Lorenzo ein Opfer dieser Befehlsmißachtung geworden war, schon gar nicht.
Noch während die Decksleute, einschließlich Pico und Vasco, wie gebannt auf den sterbenden Profos starrten, zog de Pereira seine mit Silber verzierte Steinschloßpistole aus dem Gürtel, spannte den Hahn und eilte den Steuerbordniedergang zur Kuhl hinunter.
„Senhor Cegos, lassen Sie die beiden Männer bis zum Zusammentreten des Bordgerichts in Eisen legen!“ befahl er, bebend vor Zorn.
Der dürre Offizier blickte sich hilflos um. Normalerweise hätte er diesen Befehl an den Profos weitergegeben. Der aber war tot – seine Augen starrten blicklos ins Leere.
Außerdem spitzte sich die Lage erneut zu. Vasco wirbelte herum und hielt schützend das Messer vor sich.
„Niemand wird hier in Eisen gelegt“, stieß er keuchend hervor. „Lorenzo ist selber schuld, er ist mir ins Messer gelaufen. Das haben alle gesehen.“
Beifälliges Gemurmel ertönte.
De Pereiras Gesicht wirkte jetzt wie eine steinerne Maske.
„Senhor Cegos, ich erwarte, daß mein Befehl augenblicklich befolgt wird.“
Bevor der Offizier etwas darauf erwidern konnte, drehte sich Vasco etwas nach rechts, so daß die Klinge seines Messers direkt auf de Pereira zeigte.
„Ich rate keinem, mich anzurühren!“ Seine dunklen Augen waren wild entschlossen auf den Kapitän gerichtet.
Miguel de Pereira hob die Pistole. „Laß das Messer fallen, Decksmann!“
„Ich denke nicht daran.“
Das waren Vascos letzte Worte.
Der Kapitän der „Madre de Deus“ krümmte den Zeigefinger. Ein Schuß krachte, und Vasco wurde wie von einer unsichtbaren Faust zurückgeschmettert. Seine Hand löste sich vom Griff des Messers, Sekunden später lag auch sein Körper zusammengekrümmt auf den Planken.
Für einen Augenblick herrschte Totenstille. Der Schuß des Kapitäns auf Vasco wirkte zunächst lähmend wie ein Schock, dann aber war plötzlich die Hölle los. Im Handumdrehen geriet die Mannschaft der „Madre de Deus“ in Bewegung.
Von irgendwoher ertönten Rufe wie: „Das lassen wir uns nicht gefallen!“ Und: „Jetzt ist es soweit!“
Das Stimmengewirr steigerte sich, die Männer griffen nach den Waffen, die der Stückmeister – ohne den Befehl dazu zu haben – heranschaffen ließ. Ja, die Schnelligkeit, mit der das geschah, ließ sogar darauf schließen, daß man bereits auf eine „passende Gelegenheit“ gewartet hatte.
Das Gesicht Miguel de Pereiras glich einer überreifen Tomate.
„Ruhe!“ brüllte er. „Ich verlange absolute Ruhe. Dieser Mann“, er deutete auf die Leiche Vascos, „hat sich nicht nur meinen Befehlen widersetzt, sondern mich mit seinem Messer bedroht. Das war Meuterei!“ Der Kapitän schob die Pistole eilig in den Gürtel zurück und zog seinen Degen. „Auf Meuterei aber, steht der Tod. Stückmeister, sammeln Sie sofort die Waffen wieder ein, sonst lasse ich Sie vor das Bordgericht stellen!“
Die Antwort bestand aus üblen Flüchen und höhnischem Gelächter. Bevor de Pereira und der kreidebleich gewordene Rafael Cegos etwas dagegen tun konnten, wurden sie von einer Anzahl finster dreinblickender Männer umringt, die mit Messern, Säbeln und Pistolen bewaffnet waren. Auf dem Vorschiff bahnte sich inzwischen ein wilder Kampf zwischen Meuterern und den wenigen Männern an, die sich aus Angst vor der Todesstrafe, die Meuterern grundsätzlich drohte, auf die Seite des Kapitäns geschlagen hatten.
„Zum letzten Mal! Legt die Waffen nieder!“ Die Stimme de Pereiras überschlug sich fast.
Doch der Kreis um ihn und seinen Offizier wurde immer enger. Sein Degen nutzte ihm ebensowenig wie Cegos die Pistole, deren Hahn er in der Aufregung nicht mal gespannt hatte. Die Übermacht war zu groß, und die Männer schienen zu allem entschlossen zu sein.
„Man wird euch wegen Meuterei hängen, wenn ihr nicht Vernunft annehmt!“ Zum ersten Male verriet de Pereiras Stimme, daß er Angst hatte.
Bei Cegos hingegen war sie offenkundig. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Hand, die die Pistole hielt, zitterte wie Espenlaub.
Jorge Alameda, der hochgewachsene, kräftige Schiffszimmermann, verzog das bärtige Gesicht zu einem spöttischen Grinsen.
„Seht nur!“ rief er. „Die Senhores haben die Hosen voll. Laßt euch bloß nicht von ihren Drohungen einschüchtern!“
De Pereira war längst klar geworden, was seit Tagen in der Luft gelegen hatte. Und er fand einige seiner stillen Vermutungen bestätigt. Langsam und fast unmerklich hatte sich da – offenbar mit dem Zutun Jorge Alamedas – einiges innerhalb der Mannschaft zusammengebraut.
Die Zwischenfälle, die mit dem Streit Vascos und Picos ihren Anfang genommen hatten, waren lediglich der auslösende Faktor für die womöglich von langer Hand geplante Meuterei gewesen.
Doch diese Erkenntnis nutzte ihm jetzt nichts mehr. Die Lawine, die ins Rollen geraten war, konnte niemand mehr aufhalten. Der Machtwechsel an Bord der „Madre de Deus“ war so gut wie besiegelt.
Die wenigen Männer, die sich auf dem Vorschiff mit den Meuterern angelegt hatten, wurden rasch niedergekämpft und – sofern sie noch am Leben waren – mit lautem Gejohle über Bord geworfen.
„Jeder Widerstand ist sinnlos“, sagte Jorge Alameda. „Legen Sie Ihre Waffen nieder, Senhores. Das Schiff wird von der Mannschaft übernommen.“
De Pereira und Cegos blieb keine andere Wahl. Sie warfen ihre Pistolen und Degen auf die Planken.
„Das wird schwerwiegende Folgen haben“, versprach der entmachtete Kapitän, der seine ohnmächtige Wut nur mühsam unterdrücken konnte. „Keiner von euch wird jemals nach Portugal zurückkehren können, ohne dem Henker übergeben zu werden.“
De Pereira erntete lautes Gelächter.
„Wer sagt denn, daß wir nach Portugal zurückkehren möchten?“ fragte der bärtige Alameda. „Die ‚Madre de Deus‘ ist ab sofort ein Freibeuterschiff …“
„Eine Piratengaleone!“ unterbrach de Pereira wild.
Jorge Alameda lachte laut auf. „Was soll diese abwertende Bemerkung, Senhor de Pereira? Waren nicht Sie es, der diese feine Handelsgaleone für so manchen einträglichen Raid mißbraucht hat – in der Eigenschaft als Piratenkapitän sozusagen?“
„Das waren kleine und unbedeutende Nebengeschäfte“, erwiderte de Pereira.
Alameda, der von den übrigen Meuterern ganz offenkundig als Anführer akzeptiert wurde, lachte abermals.
„Nur keine Verniedlichung! Die Beute war stets beachtlich und in erster Linie für Sie natürlich. Das Fleisch für den Kapitän – die Knochen für die Mannschaft, das war stets Ihr Wahlspruch, Senhor. Doch wir sehen nicht mehr ein, daß wir uns einerseits für einige reiche Säcke in Lissabon abschinden und andererseits für Ihre Privatgeschäfte die Köpfe hinhalten sollen. Ab sofort sind wir freie Männer auf einem freien Schiff und tätigen unsere Geschäfte auf eigene Rechnung.“